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Es sollte die heftigste Gewitterlage im Westen der Republik im Jahre 2011 werden; und vielleicht das beste Chasing, das ich in Deutschland je hatte.

Die Wetterlage versprach durch die atmosphärischen Bedingungen eine hohe Brisanz. Auf der Vorderseite eines Trogs, der bis zu den Kanarischen Inseln nach Süden vorstoß, wurde warme, feuchte Luft von der Iberischen Halbinsel Richtung Mitteleuropa getrieben (Spanish Plume). Diese Luftmasse und der Hebungsantrieb auf einer Trogvorderseite waren beste Bedingungen, um ein flaches Bodentief über Frankreich entstehen zu lassen, welches allmählich mit der allgemeinen Strömung nach Nordosten wanderte. Das Tief begünstigte in mehrfacher Hinsicht die Bildung von schweren Gewittern: Es verstärkte den Vorstoß der energiereichen Luft nach Norden. Es beeinflusste das Windfeld, und zwar nur das bodennahe Windfeld, so dass an seiner Vorderseite bodennah Winde aus südöstlicher Richtung wehten, während die Strömung in einigen Kilometern darüber nach wie vor aus Südwest kam. Aber nicht nur die Richtung, sondern auch die Windgeschwindigkeit nahm mit der Höhe stark zu. Zu guter letzt erzeugte das Tief mehrere Konvergenzen über mitteleuropäischem Raum und sorgte gegen Nachmittag für den entscheidenden Hebungsantrieb, der das Pulverfass mit der Mischung aus feucht-warmer Luft und Windscherung zum explodieren brachte.

Der Tag startete in Essen relativ trüb. Erst in den späteren Morgenstunden wurde es freundlicher und deutlich warmer. Das Thermometer zeigte am Nachmittag 28 °C an. Immer wieder bildeten sich die gängigen Gewittervorboten Altocumulus castellanus und Altocumulus floccus am Himmel und verschwanden kurze Zeit später wieder. Die Troposphäre brodelte im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Stephan und ich entschieden uns für das Rheinland, das als erstes Gebiet in Deutschland von den Gewittern erfasst werden sollte. Bis zu unserem angepeilten Zielgebiet bei Heinsberg kamen wir gar nicht, da die Squalline plötzlich sehr schnell nach Deutschland rein kam und früher in Heinsberg war als wir. Die Vorwarnungen der Wetterdienste wurden zu Akutwarnungen, teils der höchsten Stufe. Zudem entdeckten wir südlich von Mönchengladbach eine ganz frische Zelle. Diese Zelle zeigte wie gut sich der Niederschlagsbereich vom Aufwindbereich bei entsprechend guter Scherung räumlich trennen lässt.

 

 Zum Zeitpunkt des Bildes zuckten auch die ersten Blitze am rechten Ende des noch kleinräumigen Niederschlagskerns, der laut Radar aber schon sehr stark war. Diese neue Zelle hatte es uns angetan und wir fuhren nicht mehr der Linie entgegen, sondern klemmten uns an diese vorlaufende Zelle Richtung Grevenbroich. Ihre Strukturen wurden zwar nicht schöner, dafür haute sie immer mal wieder Mehrfachentladungen raus. Ich habe nicht zählen können, aber bei einer dieser heftigen Erdentladungen gab es bestimmt 6 bis 8 Blitze innerhalb von 2 Sekunden! Trotz dieser elektrischen Power sahen wir es knapp östlich von Grevenbroich visuell nicht als lohnenswert an, dieser Zelle weiter hinterherzurollen. Die ließen sie ziehen und stiegen aus dem Auto aus. Igitt, was für eine Luft! 21 °C Taupunkt bei einer Lufttemperatur von 25 °C. Da kommt Freude auf. Der Niederschlag der abziehenden Zelle hatte die Luftfeuchte weiter nach oben getrieben. Wir warteten nun auf die Squalline, die sich langsam aber sicher von Westen kommend über das Rheinland schob. Erste Ansätze einer Shelfcloud waren zu erkennen. Hinter der Shelfcloud wurde das Flacken der Blitze von Minute zu Minute heller. Kurz bevor der Outflow auflebte, wurde es windstill. Die Böenfront wirbelte unterdessen eine Menge Staub auf. Wir hingegen konnten uns nicht mehr aus dem selbigen machen. Dafür war es schon zu spät.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir stellten unser Auto vorsichtshalber unter dem Vordach eines landwirtschaftlichen Betriebes ab, aber der Durchgang des Bowechos war glücklicherweise an unserem Standort glimpflicher verlaufen, als es visuell zunächst den Anschein hatte. Hagel gab es keinen und auch der Wind erreichte schätzungsweise nicht mehr als Stärke 8 der Beaufort-Skala.

Das Chasing sollte danach aber noch weiter gehen. Wir wollten nun zum südlichen Ende des Systems. Kaum zu glauben, aber südlich einer Linie Aachen-Köln offenbarte das Satellitenbild herrlichstes Wetter. Der Eisschirm endete dort sehr scharfkantig, so dass wir uns dort noch einige schöne Impressionen in der Dämmerung versprachen. Was wir dort tatsächlich sehen sollten, übertraf unsere Erwartungen um das Unendlichfache. Schon auf dem Weg dorthin fiel uns auf dem Radar eine sehr kräftige Zelle im Raum Jülich auf. Sie machte sich zuerst durch ihre Blitze visuell am Horizont bemerkbar. Über uns war ihr Eisschirm schon längst mit denen der älteren Zellen im Cluster verschmolzen. Einige schöne Mammaten entwickelten sich direkt vor uns an der Unterseite des Eisschirms. Ein paar Kilometer vor uns schoss ein Blitz aus dem Eisschirm Richtung Boden. Hier also besser nicht mehr aussteigen! Das trügerische Sicherheitsgefühl durch die große Entfernung der Zelle war entlarvt. Wir verzichten daher doch lieber auf Fotos aus dieser Perspektive und fuhren weiter Richtung Ambosskante. 3 km südlich von Kerpen hatten wir die Kante erreicht und ließen die Gewitterstimmung auf uns wirken.

 

 

 

Die Strukturen der Zelle, die von Jülich kam, wurden nun deutlicher. Eine Interpretation war zunächst nicht einfach. Lediglich Shelfcloud oder sogar laminare Strukturen einer Mesozyklone? Das war hier die Frage. Klar war zunächst nur, dass wir es hier mit einer gewaltigen Zelle zu tun hatten.

 

 

 

Nach einigen Minuten meinte ich die Strukturen endlich deuten zu können: Wir hatten die gewaltige Shelfcloud des rückseitigen Abwindbereiches einer Mesozyklone (wahrscheinlich sogar Superzelle) vor uns.

 

 

Im rechten Bereich drehte sich die Shelfcloud ein, was das ausschlaggebende Indiz für diese Deutung war. Dazu passte, dass es im Bereich des Bogens eine sehr hohe Blitzrate gab. Wetterleuchten fast im Sekundentakt. Der Niederschlagsvorhang ließ die Blitze in der einsetzenden Dämmerung nur als Flackern sichtbar werden.

 

 

 

Eine Wallcloud sahen wir nicht, obwohl eine vorhanden war, wie der Bericht einer Chasergruppe zeigt, die zu diesem Zeitpunkt keine 5 km von uns entfernt standen:

http://www4.wetterspiegel.de/stormchaser/wbb3/index.php?page=Thread&threadID=13543

Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass es für das, was man sehen kann, sehr auf den Standort des Beobachters ankommt! Der eine sieht alles, der andere nichts, weil der dahinter liegenden Niederschlagskern den Kontrast auf null herabsetzt. Grau hebt sich eben schlecht von grau ab. Hätte es einen Tornado gegeben, hätten wir ihn möglicherweise auch nicht gesehen! Da die Zelle etwas ausscherte, zog sie direkt auf uns zu. Wir mussten sehr schnell einpacken und abhauen! Es begann zu regnen. Der Regen wurde stärker und stärker, schließlich kam vereinzelt kleiner Hagel hinzu. Wir versuchten schnellstmöglich die Autobahn zu erreichen. Das Blitzgeflacker im Rückspiegel wurde heller. Ein Traktor tauchte vor uns auf. Der Puls stieg weiter an … und erreichte an der Autobahnauffahrt seinen Höchstwert. Wir kamen langsam aber sicher aus dem Regen heraus. Jetzt einfach nur schnell weg hier. A61 Richtung Süden hieß die Rettung in diesem Fall. Ein paar Auffahrten weiter konnten wir endlich beruhigt tief durchatmen.

Wir ließen die Zelle abziehen und orientierten uns dann schnell wieder Richtung Norden, denn die nächste heftige Zelle zog schon von Westen heran. Begleitet von Wetterleuchten rutschten wir zwischen den Zellen durch und traten den Heimweg an. Ein Chasing wie man es selten erlebt, ging mit dem Tag zu Ende.