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Gestern gab es endlich wieder ein Chasing, das ich ohne zu überlegen mit "sehr gut" bewerten würde, wenn ich eine Note geben müsste - und das nicht, weil wir ausgewöhnlich heftige Zellen gesehen hätten, sondern weil das Kilometer-Gewitterimpressionen-Verhältnis absolut stimmte. Und das ist für mich das ausschlaggebende Argument für die Bewertung eines Chasings. Aber nun wollt ihr doch sicher endlich wissen, was los war. Also lasst uns den gestrigen Abend noch einmal zusammen Revue passieren:
Gestern wurde ein Level 3 von Estofex für West-Deutschland, Teile Belgiens und den Niederlanden herausgegeben. Es war zwar laut Modellkarten nicht übermäßig viel CAPE vorhanden, aber durch die Scherung und den Hebungsantrieb eines Tiefs mit seiner Kaltfront durfte man mit Schwergewittern rechnen. Schon am Mittag hatte sich eine Linie über Nordfrankreich und Westbelgien gebildet, die beeindruckend aussah. Ich hatte aber anders als meine Teammitglieder Daniel, Elmar, Bastian, Tobias und Ricardo keine Ambitionen der Linie entgegenzufahren. Das hatte mehrere Gründe:
1. Ein Level 3 bietet zwar eine hohe Wahrscheinlichkeit beeindruckende Schwergewitter zu sehen, aber es birgt auch ein vergleichsweise hohes Risiko von irgendetwas Heftigem überrollt zu werden und gerade bei Squallines gibt es keine Fluchtmöglichkeit zur Seite weg. Daher wollte ich die Linie erst in den IRAS-Bereich vorrücken lassen, um ihre Zuggeschwindigkeit abschätzen zu können. Denn sie ist der einzig entscheidende Faktor, wenn es darum geht zu flüchten.
2. Weshalb soll ich so viele Kilometer irgendwohin fahren, wenn sich eine Squalline von mehreren 100 km Länge bildet und diese früher oder später auch über den eigenen Wohnort zieht? Die Zuggeschwindigkeit von deutlich über 50 km/h machte es in einem dichtbesiedelten Bundesland wie NRW übrigens fast unmöglich sich ein zweites Mal vor die Shelfcloud setzen zu können, nachdem diese einmal über einen hinweggezogen ist - es sei denn, man hat zufälligerweise eine wenig befahrene Autobahn in die richtige Richtung neben seinem Chasingpoint.
3. Ich beschloss mit Lars rauszufahren. Als er und ich soweit waren, war es bereit 18 Uhr. Jetzt in völlige Hetze zu verfallen und noch zu versuchen in gescheite Chasinggebiete im Münsterland zu verlegen, bevor die Linie dort ankam, hielt ich für wenig sinnvoll. Außerdem übernahm hier über Kamen der Eisschirm schon die Regie über den Himmel.

 

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Unter diesen Voraussetzungen überzeugte ich Lars davon nur die 5 km zum Flughafen in Dortmund zu fahren und dort ganz entspannt auf die Linie zu warten, zumal mir der Teil der Squalline, der Richtung Münsterland zog, nicht wirklich interessanter vorkam als das Teilstück, welches Kurs auf Dortmund nahm. Nebenbei entwickelte sich die Linie südlich des Level 3 Gebietes immer besser, so dass ich Chancen sah, diesen Teil später weiter östlich noch mitzunehmen. Aber wie gesagt: erstmal warteten wir im Feld am Flughafen auf die Dinge, die da kommen mochten. Über uns befand sich der Eisschirm, der hier und da Mammaten an seiner Unterseite hervorzauberte.





Auch Schwerewellen bildeten sich immer wieder. Richtung Westen wurde es dunkler und grauer.



Es blitze Richtung Nordwesten aus einem Teilstück, das an uns nördlich vorbeiziehen würde. Aber das ließ uns kalt ... sofern das bei 31 °C möglich war. In der Ruhe liegt schließlich die Kraft bzw. das Chaserglück.



Bereits wenige Minuten später wurden die Strukturen der Shelfcloud im dunklen Grau Richtung Westen deutlich. Die Front rollte auf uns zu.







Vielleicht noch 10, maximal 15 min bis wir den Outflow zu spüren bekommen. Spätestens dann wird es Zeit sein, die Sachen zu packen und aufzubrechen. 10 bis 15 min Zeit bis zum "Weltuntergang" und trotzdem noch etliche Radfahren unterwegs. Ich fühlte mich dazu verpflichtet, sie über das drohende Unheil zu informieren. "Ach, das ist doch schon die ganze Zeit da hinten. Das kommt so schnell nicht hier rüber.", entgegnete mir ein Radfahrer. Naja, mehr als darauf hinweisen kann ich nicht. Wer nicht hören will, muss eben doch fühlen.



Plötzlich wurde es hinter uns laut. Ein dumpfes Grollen war zu hören. Nanu? Falsche Richtung für einen Donner. Wir drehten uns um. Was?! Das kann nicht wahr sein! Ein Flugzeug startete und hielt genau Kurs auf die Shelfcloud. Der will doch wohl nicht da hinein fliegen.





Der Abstand zwischen Flugzeug und der Squalline verkleinerte sich rasant. Immer noch kein Abdrehen. Jetzt. Knapp vor der Front kratzte das Flugzeug im wahrsten Sinne des Wortes die Kurve.
Kurz nachdem der Flieger abgedreht war, wurde Staub erkennbar, der knapp über dem Erdboden vor der Böenfront her getrieben wurde. Unglaublich - noch ein Radfahrer, der mit stoischer Ruhe durch das Feld fuhr. Eile schien ihm ein Fremdwort zu sein. Anstatt sich zu beeilen an sein Ziel zu kommen, ließ er sich rollen und ließ die gewittrige Stimmung auf sich wirken. Er hatte in etwa noch 4 min, bis er die Böenfront nicht nur visuell auf sich wirken lassen konnte.



Unterdessen zog der Staub schon über das Feld schräg vor uns.



Es wurde Zeit aufzubrechen. Der Wind drehte und kam nun von vorne und schaltete mindestens einen Gang hoch. Alles ins Auto und weg hier. Die ersten Tropfen fielen auf die Frontscheibe. Der Wind zeigte den Bäumen auf, in welche Richtung sie sich zu verneigen haben. Vor uns aber wohl kaum, obwohl wir es vielleicht für unseren perfekten Chasingplan verdient hätte. Aber Eigenlob stinkt und wurde direkt von Outflow fortgeblasen. Wir erreichten die Auffahrt zur A44 vor dem Starkniederschlag, was mir wichtig war, denn das hätte ein zügiges Vorankommen verhindert. Aber es gab ja noch andere Möglichkeiten uns die schnelle Flucht zu erschweren, z.B. durch einen Stau. Im Rückspiegel wurde der Niederschlagsvorhang immer größer. Glücklicherweise war der Stau nur kurz. Jetzt stand unserem Vorhaben uns wieder vor die Shelfcloud zu setzen nichts mehr im Weg ... außer vielleicht der stramme Seitenwind und die rasante Zuggeschwindigkeit der vom Outflow beschleunigten Shelfcloud. Daher dauerte es fast 50 km, bis wir wieder vom hellen Tageslicht und hohen Temperaturen von über 30 °C umgegeben waren.





Wir nahmen die Abfahrt Geseke und hielten wenige Kilometer von der Autobahn entfernt auf einem großen Schotterparkplatz. Die Front brauchte auch nicht viel länger als wir nach Geseke. Sie war schon relativ nah, als die Stative aufgebaut waren.



Der Wind legte einen Zahn zu. Die Temperatur fiel innerhalb von wenigen Sekunden um 5 °C, als der Outflow uns erreichte.



Die Luft wurde nicht nur deutlich kühler, sondern auch sandiger. Der stramme Wind sammelte die Sandkörner von der Parkplatzfläche auf und blies sie uns direkt ins Gesicht. Aber wir harrten aus.





Die ersten Blitze zuckten im Westen. Die Shelfcloud hatte sich mittlerweile schon weit von ihnen entfernt, so dass über uns ein bizarrer Himmel aus hellen und dunklen Blau- und Grautönen entstand.





Als das Starkregenband, welches mittlerweile von Niedersachsen bis in den Schwarzwald reichte, nur noch wenige Kilometer entfernt war, packten wir unsere gesandstrahlten Kameras ein und fuhren abermals auf die A44 Richtung Kassel. Wir vergrößerten wieder unseren Abstand zu der Squalline mit ihrem leicht grünlichen Touch. Bis wir aus dem Maul des Wales heraus waren, dauerte es seine Zeit.



Es wurde wieder heller. Und es knirschten Sandkörner zwischen den Zähnen ... lecker. Mittlerweile waren wir in Hessen angelangt.







Wir verließen die Autobahn bei Warburg und suchten uns bei Volkmarsen eine Feldwegeinmündung, von der wir ein letztes Mal beste Sicht auf die heran rollende Front genossen. Die Abenddämmerung kann deutlich schneller als sonst. Das Tageslicht wurde von der Front regelrecht weggeschoben.





Blitze zuckten regelmäßig innerhalb der Squalline. Der Niederschlagsvorhang kam näher. Diesmal wollten wir uns überrollen lassen. Schließlich war auch schon 21:30 Uhr durch.



Besonders hohe Intensität hatte die Squalline nicht mehr. Die meisten Blitze waren nur als Wetterleuchten sichtbar und der Regen war nur für wenige Minuten stark. Ein Starkwindereignis schien uns auch nicht mehr wahrscheinlich, so dass wir noch während des Frontdurchgangs die Heimfahrt antraten. Es blitzte nicht viel und viele Blitze sah man nach wie vor nicht, aber die, die sich zeigten, waren beeindruckend. Sie zischten über den Himmel, einige durfte man durchaus als Chrawler bezeichnen. Es regnete noch lange mäßig weiter, obwohl wir in die entgegengesetzte Richtung als die Front unterwegs waren. In der Ferne wurde das Ende des Eisschirms in ein dunkles Abendrot getaucht. Auch jetzt zuckten noch Blitze über unser Auto hinweg. Die Entladungen wurden seltener, aber dafür umso beeindruckender. Mit diesen Eindrücken ging unser Chasing zu Ende. Eine 3/4 Stunde später waren wir wieder in heimischem Terrain. Ein effektiveres Chasing kann ich mir kaum vorstellen: Knapp 300 km gefahren, davon auf über 200 km Gewitterimpressionen erhalten; 4,5 Stunden unterwegs gewesen, davon über 3 Stunden aktiv gechaset und gespottet.