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20. Mai:

Auch heute brachen wir wieder einmal recht früh auf, denn wir hatten eine Strecke von ca. 280 Meilen zurückzulegen, um in das heutige Zielgebiet zu kommen. Die gewählte Strecke führte uns zunächst parallel zu den Rocky Mountains nach Norden, dann nach der Durchquerung von Denver Richtung Nordosten wieder zurück in das Herz der Great Plains. Es war also eine abwechslungsreiche Fahrt mit schneebedeckten Bergen und der Skyline von Denver, gefolgt von den endlosen Weiten der Plains. Eyechatcher gab es also bereits auf der Anfahrt ins Zielgebiet genug. Und es sollten nicht die einzigen Eyechatcher des Tages bleiben, denn das Wetter hatte heute auch noch einiges mit uns vor.

Aber zunächst checkten wir gegen 15 Uhr im Hotel in Paxton in West-Nebraska ein. Das Einchecken verlief etwas hektisch, da einerseits die Karten für die Zimmer nicht richtig funktionierten und es andererseits westlich von uns bereits auslöste. Es wurde wirklich allerhöchste Zeit das Chasing zu starten! Kurz vor 16 Uhr waren wir dann endlich auf der Interstate und starteten die Jagd auf eine vielversprechende Zelle. Unser Objekt der Begierde hatte sich vorlaufend vor einer Kaltfront gebildet und wurde immer stärker. Von der Südostseite kommend sah die Zelle zunächst wenig imposant aus. Man konnte zwar einige nette Aufnahme von ihr machen, aber derartige Bilder kann man bei jeder einigermaßen vernünftigen Gewitterlage in Deutschland machen. Umso weniger begriffen einige von uns die Euphorie aus Tomate 1 (so hieß unser Führungsfahrzeug), die als einzige über Radarbilder verfügten. Wir wollten die Zelle von Südosten anfahren, was jedoch aufgrund des dünnen Straßennetzes in West-Nebraska mehrmals scheiterte. Einmal erkannten wir, dass es keine passende Straße in die richtige Richtung gab, einmal endete unsere Fahrt auf einem nicht asphaltierten Feldweg. Also wieder zurück! War es das schon gewesen? Gab es keinen Weg an diese Zelle heran? Doch! Weiter im Osten fanden wir dann doch eine Straße Richtung Norden, die uns auf die Rückseite der Zelle bringen sollte. Jetzt wurde auch klar, woher die Euphorie in Tomate 1rührte. Die Zelle, die von der Südostseite bis dahin nicht besser als ein Kaltluftgewitter mit schönen Niederschlagsfallstreifen aussah, offenbarte ihre ganze Schönheit. Plötzlich wurde ein hochreichender backsheared anvil (Amboss, der sich gegen die Zugrichtung ausbreitet) mit eingerollter Kante sichtbar; darunter Regen- und Hagelfallstreifen, die von der Sonne angeleuchtet wurden. Später gesellte sich ein schöner Regenbogen dazu. Rechts vom Abwindbereich sah man ein weitreichendes Inflow-Band (Wolkenband, das die Feuchtzufuhr in die Gewitterzelle sichtbar macht). Erste Mammatus-Ansätze waren zu erkennen.

Inzwischen zeigte die Zelle ein Hook-Echo auf dem Radar. Wir fuhren nun von hinten an die Zelle heran, denen Ausmaße uns gigantisch erschienen. Vor uns sah man die Downbursts des RFD (rear flank downdraft) in Form von dichten Niederschlagsfallstreifen niedergehen und über uns breitete sich der Eisschirm weiter entgegen der Zugrichtung der Zelle aus.

Wir hatten nun vor, durch den RFD durchzustoßen, um wieder an die Vorderseite der Zelle zu gelangen. Dieses Vorhaben mussten wir jedoch aufgrund der Müdigkeit einiger Teammitglieder abbrechen, denn wenn Müdigkeit und Aquaplaninggefahr zusammen auftreten, muss die Sicherheit vorgehen und das Chasing beendet werden. Aber das Ende der Jagd dieser Zelle sollte noch lange nicht das Ende für uns bedeuten. Denn von Westen rückte die Kaltfront heran und formte eine nette Shelfcloud an ihrer Vorderseite.

Als wir ausstiegen, um Fotos von der herannahenden Shelfcloud auf der einen Seite und der abziehenden vorlaufende Superzelle auf der anderen Seite zu machen, blies uns der kalte Outflow der vorlaufenden Superzelle entgegen. Es war plötzlich schweinekalt. Zum Glück ließ der Outflow-Wind mit der Zeit nach und es wurde wieder wärmer. Augenblicke später war es gänzlich windstill. Es war das Zeichen für uns, dass wir aufbrechen mussten. Die Kaltfront war bis auf wenige Kilometer herangerückt und es wurde Zeit wieder von ihr weg zu fahren.

Fortan fuhren wir schräg vor der Kaltfront her (Richtung Süden). In die Kaltfront war die eine oder andere starke Zelle eingelagert, so dass es teilweise im Sekundentakt blitzte. Neben der elektrischen Aktivität beeindruckte der Inflow in die Squalline. Dieser fegte uns mit geschätzten 50 km/h mehrmals Sand- und Staubwolken quer über die Straße. Der Inflow und die Lightningshow begleiteten uns bis zum Hotel zurück. Nach einer Chasingtour von mehr als 320 Meilen (keinem kam es annähend so viel vor) ging ein vollkommen gelungener Tag zu Ende.